Die Folgen einer misslungenen Operation meines Sprunggelenkes waren vor etwa 22 Jahren der Auslöser für das, was ich heute im Unterricht mit meinen Studierenden und Schülern selbstverständlich praktiziere. Die Ärzte waren sich damals sicher, dass Laufen nur noch mit Gehhilfe möglich sein würde. Sie stellten mir einen Schwerbehindertenausweis aus und meinten beim Verlassen der Klinik, dass ich jetzt immer vor jedem Laden parken könnte.

Da Wandern und Konzertieren ein wichtiger Bestandteil meines Lebens waren und auch bleiben sollten, suchte ich jenseits von "Rehamaßnahmen" nach Lösungen.

Ich begann mit den unterschiedlichsten Dingen zu experimentieren, u. a. zur  Reaktivierung meines Gleichgewichts. Da ich nicht frei stehen konnte, blieb es damals bei Versuchen, mich mit beiden Händen festhaltend an einem Schrank. Ich bemerkte, was sich alles veränderte, wenn auch nur im ganz kleinen Ausmaß. Dies beflügelte mich so sehr, dass ich mit meinen Schülern begann zu experimentieren. So wurde ich zunächst zu einer guten Beobachterin, denn ich wollte schließlich wissen was geschehen würde. Würde mir das helfen können?

Schnell war nicht mehr ich der Fokus der ganzen Sache, sondern auch das Weiterkommen meiner Schüler und Studierenden. Erst vor vielleicht fünf oder sechs Jahren nutzte ich auch die luftgefüllten Kissen zum balancieren. Die meisten Kissen eigneten sich aber weniger dafür. Sie waren zu rutschig, zu klein, hielten die Luft nicht oder der Geruch des Materials war unerträglich. Mit der Zeit bekam ich aber ein Gefühl dafür und fand immer bessere und geeignetere Kissen.

Zunächst waren neue Schüler und auch Eltern immer "amüsiert" und gespannt ...  ob ich das denn ernst meinen würde ... ?! Heute ist es eine Selbstverständlichkeit geworden und jeder sieht und hört die Vorteile, im Einzelunterricht, in der Kammermusik und im Orchester, wenn das Gleichgewicht der Spieler gut ausgerichtet ist. 

Und: Selbst für die ganz kleinen Kinder habe ich mittlerweile eine fantastische Lösung gefunden: mit kleinen Kissen, auf denen sie sogar in unterschiedlichen Taktarten vorwärts und rückwärts balancierend spielen oder einfach balancierend stehen können. 

Fasziniert hat mich über die ganzen Jahre hinweg, wie viel schneller sich die Schüler auf ihrem Instrument entwickeln, wenn sie gleich von Anfang an herausgefordert werden, ihre Koordination der Arme und Beine und ihre Bewegungen selbst zu erforschen. Und sie lieben es! Es macht ihnen richtig viel Spaß. Und wer hätte das gedacht: sie erkennen den Sinn darin, ohne dass man ihnen diesen erklären muss. 

Sehr überrascht hat mich, dass es wohl nie zu spät ist, damit zu beginnen: Wir scheinen Vernachlässigtes extrem gut aufholen zu können, wenn wir es nur einfach tun! Das kann man sehr gut beobachten an allen Schülern die mir auf Kursen begegnen, an Studierenden und auch an älteren Menschen, die häufig selbst schwer begreifen können, welche Klangqualität sie erreichen können und wie viel leichter Bewegungen werden, wenn ihr Vestibularis gut ausgerichtet ist. Eintrainierte und aufgesetzte Bewegungen ersetzen sie zunehmend durch neue, die zu ihrem Körper und der Musik passen.

Viele Jahre nach Beginn der Experimente bin ich dann auch in den Genuss gekommen, zunehmend selbst alles ausprobieren zu können. Den Behindertenausweis habe ich nie abgeholt. Heute kann ich wieder gut laufen und erklimme wieder mit Leidenschaft die hohen Berge. Selbstverständlich sind meine Experimente dafür nicht alleine verantwortlich. Mit hoher Wahrscheinlichkeit aber kann ich sagen, dass die Neugierde, Neues und Ungewohntes auszuprobieren, einen guten Beitrag dazu geleistet haben. 

 

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